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Rom, 24.09.2003
Tägliches
Leid: Etwas mehr als ein Prozent der Menschen haben täglich
Kopfschmerzen. Legt man die internationalen Zahlen auf Österreich
um, sind das mehr als 100.000 Betroffene. Die häufigste
Ursache für
chronischen Kopfschmerz ist die ständige unkontrollierte
Einnahme von Schmerzmitteln, besonders von Mischpräparaten.
Dies erklärten Fachleute beim Internationalen Kopfschmerz-kongress
in Rom.
"Epidemiologie des chronischen täglichen Kopfschmerzes
mit Analgetika-Missbrauch", lautet der Titel der wissenschaftlichen
Arbeit, mit der in Rom Dr. Rafael Cola von der neurologischen
Universitätsklinik in Cantabria die Größe des
Problems eindeutig belegen konnte. Der Experte: "Wir interviewten
4.855 Personen im Alter über 14. Häufiger als zehn
Tage im Monat Kopfschmerz und entsprechenden Analgetika-Konsum
hatten 332 Personen. 47 erfüllten die Kriterien für
tägliche und bereits durch Schmerzmittel hervorgerufene
Symptome."
Frauen besonders betroffen
Frauen sind besonders betroffen: 2,6 Prozent der Probandinnen
wiesen Analgetika-Kopfschmerz auf, hingegen nur 0,19 Prozent
der Männer. Das Durchschnittsalter der Betroffenen lag
bei 56 Jahren. Im Schnitt hatten sie bereits seit 35 Jahren
Symptome. Seit elf Jahren schluckten sie täglich Schmerzmittel.
Am häufigsten war Migräne am Beginn dieser Entwicklung
gestanden.
Die spanischen Wissenschafter: "Täglich auftretender
chronischer Kopfschmerz mit Analgetika-Missbrauch ist eine
häufige Erkrankung. Sie betrifft rund 1,5 Prozent der
Bevölkerung. Am häufigsten ist sie in der Altersgruppe
der 50-Jährigen. Hier leiden fünf Prozent der Frauen
daran."
Langzeitschäden möglich
Umgelegt auf Österreich wären das rund 120.000 Menschen,
die solche Probleme haben. Analgetika-Kopfschmerz ist ausgesprochen
quälend. Beim Absetzen der Mittel kommt es erst recht
zu schweren Symptomen. Schmerzmittel-Missbrauch schädigt
aber langfristig viele Organe, besonders die Nieren und die
Leber.
Am häufigsten - so der bekannte deutsche Kopfschmerz-Spezialist
Dr. Hartmut Göbel - sind Analgetika-Mischpräparate
die Auslöser von chronischen Beschwerden. Er und sein
Team an der Kieler Schmerzklinik analysierten die Daten von
160 Migräne-Patienten, welche zu einer Analgetika-Entzugskur
kamen.
Üble Mischung
Die Ergebnisse: Nur je ein Patient benutzte Ibuprofen bzw.
Paracetamol zu häufig. 110 der Betroffenen hingegen hatten
lange Zeit hinweg Mischpräparate eingenommen. Das waren
110 Personen. 37 mussten sich einem Entzug von den modernen
Migränemitteln (Triptane) unterziehen, elf einem von Opiaten.
Speziell die Kombination von schmerzstillenden Substanzen mit
Koffein wird von Fachleuten kritisiert. Das Hauptproblem aber
ist die vom Arzt unkontrollierte Einnahme über lange Zeit
hinweg, welche die Betroffenen in den Analgetika-Kopfschmerz
abgleiten lassen kann. Göbel: "Der Über-Gebrauch
von Kombinations-Schmerzmitteln ist bei weitem die häufigste
Ursache für durch Medikamente hervorgerufenen Kopfschmerz.
Monopräparate tun das nur in außergewöhnlich
seltenen Fällen. Das Entzugs-Kopfweh ist auch am stärksten
beim Absetzen von Mischpräparaten und von Opiaten."
Studie illustriert
Wie stark Analgetika-Missbrauch die Voraussetzung für
chronische Schmerzzustände ist, belegte beim Internationalen
Kopfschmerzkongress in Rom die norwegische "HUNT-Studie.
1984 bis 1986 hatten in einer riesigen Umfrage 32.067 Erwachsene
in Norwegen von Schmerzmittelgebrauch berichtet. 1995 bis 1997
wurden diese Menschen noch einmal interviewt.
Autor Dr. John-Anker Zwart: "Menschen, die bei der ersten
Befragung von täglichem oder zumindest einmal wöchentlichem
Schmerzmittel-Gebrauch berichtet hatten, wiesen elf Jahre später
eine signifikant größere Häufigkeit von Analgetika-Kopfschmerz
auf." Besonders Migräne-Patienten wären hier
gefährdet.
Triptane können ebenfalls problematisch sein
Mischpräparate samt Koffein und vor allem Ergotamin-Medikamente
(Mutterkornalkaloide) wurden bei zu häufiger und unkontrollierter
Verwendung mit Arzneimittel-Kopfschmerz in Verbindung gebracht.
Doch auch die neuesten und spezifisch wirkenden Migränemittel
- die Triptane - können bei unsachgemäßem Gebrauch
zu solchen Problemen führen.
So zeigten Dr. Hartmut Göbel und sein Team von der Kieler
Schmerzklinik, dass am zweiten Tag nach dem Entzug von solchen
Triptanen - genau so wie bei Patienten mit Missbrauch anderer
Mittel - deutlich verstärkte Symptome aufwiesen. Dr. Miguel
J. A. Lainez von der neurologischen Universitätsklinik
in Santander in Spanien: "In jüngster Zeit wurden
die Triptane mit chronischen Kopfschmerzen in Verbindung gebracht."
Die spanischen Fachleute identifizierten unter ihren Patienten
immerhin 21 Personen über 65, die täglich zu einem
solchen Medikament griffen. Der Missbrauch hatte durchschnittlich
6,7 Monate gedauert. Acht der Betroffenen hatten übrigens
Risikofaktoren für Herz-Erkrankungen, was eine Benutzung
dieser Arzneimittel bei ihnen nicht sehr ratsam erscheinen
ließ. Triptane haben eine Blutgefäßverengende
Wirkung, was bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht wirklich "erwünscht" ist.
Die Kostenseite
Wie sehr die Massenerkrankung Kopfschmerz auf die Gesundheitsbudgets
drückt, belegte schließlich der Dr. Robert Shapiro
von der neurologischen Abteilung der Universität Vermont
(Kanada):
* Erwachsene gesunde Nicht-Migräniker kosten dem Gesundheitswesen
pro Jahr 2.904 US-Dollar. Migräne-Patienten verursachen
hingegen jährliche Kosten von 7.062 US-Dollar (Kinder
ohne Migräne: 1.349 bzw. mit Migräne: 3.898 US-Dollar).
* Kommen zur Migräne bei Kindern oder Erwachsenen noch
Angstzustände hinzu, steigen die jährlichen Gesundheitskosten
auf durchschnittlich 10.826 US-Dollar, bei zusätzlichen
Depressionen gar auf 11.387 US-Dollar.
Die Daten zum Kopfschmerz aus Österreich: 49,4 Prozent
der Menschen über 15 leiden zumindest einige Male im Jahr
an Beschweden. Das "kostet" insgesamt rund 6,8 Millionen
Arbeitstage. 10,8 Prozent der Österreicher haben Migräne
(13,8 Prozent der Frauen und 6,1 Prozent der Männer).
Nur 16,8 Prozent der Migräne-Patienten gehen zum Arzt.
(APA)
İ2003
derStandard.at
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